Die Gedanken sind frei

Wer kann sie erraten, sie fliegen vorbei wie nächtliche Schatten … Mein Wunsch und begehren kann niemand verwehren, es bleibet dabei, die Gedanken sind frei !

Zeitreise in die sechziger jahre

25. Dezember 2017
frida

Sie gehören zu den ältesten noch existierenden Radio-Sendungen des SR: die „Bunten Funkminuten“. 2013 haben sie ihren 50. Geburtstag gefeiert. Die ersten 17 Jahre war Klaus Groth der Moderator. Er machte die „Bufus“ (wie sie im SR-Jargon heißen) zu einer der populärsten Sendungen der „Europawelle Saar“, ab 1980 auf SR 3 Saarlandwelle. Und sie ihn zu einem der beliebtesten Moderatoren. Friedrich Hatzenbühler, ab 1978 rund 15 Jahre lang Redaktionsleiter, erinnert sich gern an diesen Radio-Mann mit der samtenen Stimme und den oft schrägen Ideen.

Von Friedrich Hatzenbühler
Mehr zur Geschichte der „Bunten Funkminuten“

Statt Sendepause: „90 Bunte Funkminuten“ im SR-Programm

„Meine Sendung war anfangs Ersatz für die Sendepause“, erzählte Klaus Groth gern in ironischer Bescheidenheit. Tatsächlich hatte es zuvor zu dieser Zeit am Vormittag stets eine Sendepause gegeben, schon bei Radio Saarbrücken und danach auch beim SR. Um das Programm attraktiver zu machen, sollte 1963 damit nun Schluss sein. Weil es eine „Hausfrauenzeit“ war, musste dafür ein Moderator her, der bei Frauen gut ankam und Musik, Unterhaltsames und Informatives gleich gut präsentieren konnte. Mit Klaus Groth tat Albert C. Weiland, der Hauptabteilungsleiter Unterhaltung, einen Glücksgriff. Er war ihm von seinem Unterhaltungskollegen beim damaligen SDR (Süddeutscher Rundfunk) empfohlen worden. Groth arbeitete beim SDR in Stuttgart und Heidelberg und fiel dort als witziger und höchst kompetenter Allround-Radiomitarbeiter auf. Zuvor war er längere Zeit als Theater-Schauspieler und Regisseur erst in Kanada und danach in Deutschland tätig gewesen. In Kanada hatte der Sprech- und Sprachgewandte auch bei Radio und Fernsehen gearbeitet und „Vormittagsshows“ amerikanischer Radio-Machart kennen gelernt. Und sich dann wohl teilweise zum Vorbild genommen.

Weiland machte ihm ein Angebot, Groth kam zum SR, moderierte am 30. September 1963 dann zum ersten Mal die „90 Bunten Funkminuten“. Schon zuvor und auch weiterhin arbeitete er beim SR fürs Kabarett, inszenierte oder sprach Rollen in zahlreichen Hörfunk-Krimis und wirkte in unterhaltsamen Fernseh-Produktionen mit.

Schnell sehr populär und Liebling vor allem der Hörerinnen wurde er aber als Moderator und Programmgestalter (für Wort und Musik) der neuen Hausfrauensendung. Dreihundert Hörerbriefe und Hunderte von Hörer-Anrufen soll er wöchentlich bekommen haben, schrieb eine Zeitung. Dass er als freier Mitarbeiter beim SR nebenbei noch eine gut funktionierende Werbeagentur betrieb, wussten die wenigsten.

Klaus Groth: am Mikrofon auch gern mal albern.

Mit ihm hatte nunmehr für die Hörerinnen und Hörer – wie auch für „eingeborene“ und klassische SR-Mitarbeiter (gehen wir mal davon aus, dass es zahlreiche dieser Gattung in diesen Jahren noch gab) eine eigenartige Sendung begonnen. Seriös und damals durchaus üblich wäre eine Musikansage gewesen wie „Sie hören die ,Caprifischer‘, gesungen von Rudi Schuricke“. Wenn Groth allerdings der Gaul durchging, konnte daraus durchaus mal werden: „Und nun der beliebte Titel ,Wenn am Abend ein roter Capri im Meer versinkt‘, gesungen von Rudi Schurke.“ Es wehte mit Groth eben ein anderer Unterhaltungswind am Moderatorenmikrofon. Freude und Spaß an solcher Art professioneller Albernheit hatten die Hörer und die (meisten) Kollegen gleichermaßen.

Aber beileibe nicht nur Scherz und Albernheit prägten die verschiedenen Arbeitsbereiche von Klaus. Ich denke an seine Feriensendungen aus Marseille. Auf der weit zu hörenden Europawelle Saar waren sie gleichermaßen gedacht für deutsche Urlauber an der französischen Mittelmeerküste wie für diejenigen, die dort gern gewesen wären und stattdessen hier arbeiten mussten. Gut in Erinnerung habe ich auch seine Anchor-Moderationen der Sendungsreihe „Les Jeux de Jumelage – Spielzeit für Partnerstädte“. Sie nahm, kompliziert für damalige Radioverhältnisse, die späteren Modelle der Fernseh-Serien „Spiel ohne Grenzen“ vorweg. Zum Beispiel gab es seit 1972 eine Jumelage zwischen Kronberg im Taunus und der französischen Mittelmeergemeinde Le Lavandou. Die Lavandouraner mussten einmal in Kronberg ihre Kenntnisse über die Partnerstadt beweisen. Die Live-Sendung wurde zentral aus Saarbrücken von Klaus Groth souverän geleitet. Er liebte die Franzosen und Frankreich, kannte sich exzellent dort aus und sprach sehr gut Französisch.
Groth ORTF Marseille (Foto: SR)
Baute gern Funkbrücken nach Frankreich: Klaus Groth bei einer Jumelage-Sendung. (Foto: SR)

Touristik, Politik, Kultur, Unterhaltung – alles wurde in den Jumelage-Sendungen zum Thema und sehr unterhaltsam vermittelt. Sie waren ein rundfunkpolitisch wichtiger Beitrag zur Entwicklung und Festigung der deutsch-französischen Freundschaft. Unter anderem damit holte sich Klaus Groth seine Seriosität immer wieder zurück, die er mit seinen Späßen in den Funkminuten zuweilen lässig aufs Spiel setzte.
Lange war die morgendliche Hörer-Gymnastik fester Bestandteil seines Programms. Um seine Zuhörer damit körperlich in Schwung zu bringen, ließ er selbst allenfalls seine Finger kleine Bewegungen vollbringen – und saß ansonsten ganz ruhig vor dem Mikrofon. Normalerweise. Aber ziemlich oft hatte er Studiogäste. Dann stelle man sich vor, dass Groth zuweilen vor denen einen Cha-Cha-Cha tanzte – mit aufgewickelten Hemd über dem zeitweise beträchtlichen Bauch …
Zum Autor dieses Fundstückes

Friedrich Hatzenbühler: Sein Herz gehört der Saarlandwelle

Stelle man sich vor, dass Groth bei einem seiner eigenen Gags selber so schallend lachen musste, dass er sich über 2 Minuten (zwei!!!) nicht mehr einkriegen konnte. Alles live über den Sender. Die Zuhörer hatten ihren Riesenspaß bei dieser neuartigen Sendungsfete, zu der Klaus Groth seine Hausfrauen-Sendung werden ließ. Das war innovativ, locker, sehr unterhaltsam und informativ zugleich. So machten die „90 Bunten Funkminuten“ ab 1964 dann auch die neu entstandene Europawelle Saar umso bunter.

Was gab es damals abgesehen von der Gymnastik nicht alles regelmäßig in dieser Radio-Show: Verbraucherinformationen, Lösungen für Hausfrauen- und Erziehungsprobleme, Gartentipps für die Großen sowie Feriengeschichten für die Kleinen, Ratschläge fürs Abnehmen und Rezepte für gutes Essen. Die unvorstellbare Zahl von 20-tausend soll Groth gesammelt haben. Nicht alles machte er selbst, vieles wurde auch von Fachredaktionen zugeliefert. Regionale Kulturberichte etwa gab es von Gabriele Oberhauser, die immer wieder darunter zu leiden hatte, dass Klaus Groth ihren Namen falsch (wie wohl?) aussprach und deswegen alle Augenblicke seinen kleinen Zank mit dem Ehemann bekam, dem Literatur- und Kulturredakteur Fred.

Eines machte er eben immer selbst: seine Gags, in denen er so gut wie alles und jeden mit Lust und Laune veralberte. Gern auch sich selbst. Unvergesslich die Geschichten der „Kleinen Hexe“, die Klaus live präsentierte und dabei alle Stimmen in voller Dramatik selbst sprach. Wie jammerschade, dass nichts davon archiviert wurde.

Das Tante-Amalie-Kochbuch von Klaus Groth: „Schmadder, Schmand & Knoblauch“. (Quelle: Buch-Titelseite Hölker-Verlag/Foto: SR)

Selbst aus der so sachlichen Nachrichtenredaktion kam redaktionelle Hilfe: Einer der damals witzigsten und unterhaltungsinteressiertesten Nachrichten-Redakteure, Hans-Jürgen Imler, bot sich der Redaktion der Bunten Funkminuten an, eine Textreihe zu schreiben. Sie war ihm beim Blödeln und Stimme-Verstellen mit Klaus Groth in den Sinn gekommen. Radio-Comedy würde man das sicher heute nennen. Imler schrieb die ersten Manuskripte der „Tante Amalie“-Geschichten. „Tante Amalie von Borschimmen“ (eine erfundene Figur) war eine ehrwürdige und kulturbewusste, alles besser wissende Ostpreußin. Nunmehr lebte sie hier in unserer Gegend – und wohnte bei ihrem Neffen Klaus Groth, oder er bei ihr. So wollte es die Legende. „Tante Amalie“ hinterließ jeweils zur Montagssendung (man hatte ja genug Zeit gehabt, sich über das Wochenende auszutauschen) diverse Hinweise und strenge Monita sowie hilfreiche Haushaltstipps in Hinblick auf die Lebensumstände ihres einerseits geliebten, andererseits zu tadelnden Neffen Klaus, den sie echt ostpreußisch nur „du Lorbass“ zu nennen pflegte.

Klaus Groth, obwohl Schwabe, in nahezu allen regionalen Sprachidiomen zuhause, sprach die Rolle der Tante Amalie und mimte sich auch selbst als ostpreußischen Neffen. Er hat dann später, als er sich an die Familienlegende seines Kollegen Imler gewöhnt hatte, die Texte auch selber geschrieben und war irgendwann – glaube ich – selbst davon überzeugt, dass es diese Tante tatsächlich gab.
Klaus Groth sprach und moderierte nicht nur leidenschaftlich, er schrieb auch gern. Sogar Bücher. Und so war es kein Wunder, dass aus den zig-tausend Hörer-Kochrezepten, die er gesammelt hatte, das eine oder andere Buch entstand. Eines seiner schönsten Kochbücher trug den Titel: „Schmadder, Schmand & Knoblauch – Geschichtchen und Gerichtchen von Tante Amalie“ (Hölker-Verlag, 1979). Das fingierte Titelbild von „Tante Amalie“ zeigt in Wirklichkeit seine eigene Mutter.

Besucher in der Sendung konnten ihren Moderator zuweilen sehen, wenn er während eines Musiktitels seine Stricksachen auspackte oder Fudschi, seinen geliebten Chou-Chou zur Ordnung rief. Normalerweise wartete der aber geduldig unter dem Moderatorentisch, bis die Sendung zu Ende war. Herrchen trieb derweil seine Scherze als Mikrofonkobold, plauderte als Gastgeber, informierte über vieles Interessante und Wichtige und sagte so eher nebenbei manches Nachdenkliche. Bis zum Mai 1980. Da starb Klaus Groth, ganz überraschend für seine begeisterten Hörer und (vor allem) Hörerinnen. Ihm selbst allerdings war schon lange bekannt, dass er ein Herz-Aneurysma hatte.

Ich suche noch ein bestimmtes Lied, von ihm gesungen, habe es aber noch nicht gefunden.

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