Als ich zehn war / Blogparade von Zwetschgenmann

 

 

 

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Als ich zehn war, ja was soll ich euch da erzählen. Ich war ein relativ dickes Kind. Ich bekam immer gut zu essen und meine Mutter sagte Sonntagsmittags beim Kaffee: iss doch noch ein Stück Kuchen, du hast doch erst drei. Und ich habe immer gerne gegessen. Bei uns gabs Sonntags immer so ein richtiges Sonntagsessen mit Rindfleischsuppe mit Markklößchen drin, natürlich selbstgemacht, anschließend ein Sonntagsbraten mit Soße, Kartoffeln und Gemüse, dann ein Nachtisch, entweder Vanillepudding mit Schokoladensoße oder umgekehrt Schokoladenpudding mit Vanillesoße, alles gekocht von meiner Mutter. Oder Eis, ebenfalls selbstgemacht. ich frage mich heute, wenn ich das so durchdenke, wo hat sie die Zeit hergenommen, das alles auf den Tisch zu bringen. Es gab auch feste Regeln für die ganze Woche, was das Essen betrifft. Zwischendurch hat sie noch genäht und gebügelt.

Montags war übrigens Waschtag, eine Waschmaschine hatten wir damals nicht, die Wäsche kam in einen großen Kessel und wurde gekocht, damit sie auch sauber war. Anschließend in eine Wäscheschleuder, dann wurde sie im Garten zum trocknen aufgehängt, es gab damals natürlich auch keine Wäschetrockner wie heute.

Auch das Geschirr wurde von Hand abgewaschen. Meine Mutter war von morgens früh 6 Uhr bis abends spät immer beschäftigt. Sie hat viel gearbeitet in ihrem kurzen Leben. sie ist mit 56 Jahren bereits verstorben. Müde und verbraucht. Ein schweres Leben.

Wir hatten einen Bauernhof mit Pferden, Kühen und Schweinen, Hühnern und Gänsen. Einen Hofhund hatten wir auch. Der sollte das Haus bewachen, ob er es getan hat, ich glaube das eigentlich weniger. Bei uns war immer Tag der Offenen Tür, die Nachbarn konnten immer hereinkommen, wenn sie wollten. Und die kamen auch.

Manch einer ging wieder mit einer Lage Eier oder einem Stück Schinken oder Blut- oder Leberwurst, damals gab es ja noch die Hausschlachtung. Das war der schrecklichste Tag für mich im ganzen Jahr. Und das ging so jahrelang, bis es verboten wurde, Schweine daheim schlachten zu lassen. Dieser Geruch von gekochtem Fleisch und Blut hab ich bis heute in der Nase. Meine Mutter hat am liebsten das Gehirn gegessen, gebraten  mit Zwiebeln (Ekelfaktor 10 für mich) ich hab nichts davon angerührt, keine Wurst, vor allem keine Blut- und Leberwurst. Schinken hab ich gegessen, ja. Aber ich will ja nicht nur vom Essen schreiben.

Als ich 10 war, kam ich in die Realschule in unserer Stadt, von 1960 – 1966, wohlgemerkt in die Mädchenrealschule. Damals waren Jungen und Mädchen in der Schule noch streng getrennt. vorher in der Grundschule, die sich damals noch Volksschule nannte, waren sogar die Religionen getrennt. Die evangelischen hatten eigene Räume und die Katholiken auch. wir hatten sogar getrennte Schulhöfe. Folglich hat ein Katholik auch nicht mit einem Evangelischen gespielt. wir kannten uns eigentlich nicht. wir hätten ebenso auf einem anderen Kontinent leben können. In die Schule gefahren in die Stadt hat mich niemand, ich fuhr anfangs mit der Straßenbahn, später mit dem Bus. Abgeholt hat mich auch niemand, wir hatten ja auch kein Auto.

Wenn ich heimkam aus der Schule war niemand da. Ich war allein bis abends 18Uhr, dann kamen sie zurück vom Feld, dort fuhren sie mittags um 12Uhr immer hin im Sommer bis abends 18Uhr. Erst mit den Pferden, später mit einem Traktor, kamen zurück mit beladenem Heuwagen, oder Kartoffeln, oder was es immer zu ernten gab. Kirschen und Äpfel wurden geerntet von unseren Obstbäumen, daraus wurde Schnaps gebrannt, aber nicht unter 54 Prozent. Das Obst wurde in einer Brennerei abgegeben, man musste ja Steuern dafür zahlen.

Im Frühjahr gab es auch Arbeit auf dem Feld, da wurde geharkt und gepflügt. Zu tun war immer was, auch in den Stallungen, die Kühe und Pferde mussten ja gefüttert und gemolken werden. Von Hand natürlich, es gab damals noch keine Melkmaschinen, und jedes Tier hatte einen Namen, keine Nummer wie heute. Es musste ausgemistet werden morgens und abends. Unendlich viel Arbeit, das meiste blieb an meiner armen Mutter hängen, mein Vater hatte ja nebenbei noch einen Beruf, zwar in Schichtarbeit, aber er war dann eben nicht da. 

 

Meine Gefühle heute sind zwiespältig: Ich hatte es eigentlich gut in meiner Kindheit, andererseits aber auch nicht, ich musste viel entbehren, was andere Kinder heute haben, nämlich Zuwendung, die hatte ich nicht. Dafür war keine Zeit.

 

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9 thoughts on “Als ich zehn war / Blogparade von Zwetschgenmann

  1. Toll geschriebe! Vieles kommt mir bekannt vor. Ich bin in einem Wohnblock in einer Kleinstadt groß geworden und habe immer die Kinder vom Bauernhof beneidet.

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    1. bei mir wars umgekehrt, ich hab mich als Kind geschämt, von einem Bauernhof zu kommen. Es hat lang gedauert, bis ich mich damit angefreundet habe, ein Bauernkind gewesen zu sein. so kann ich heute auch ohne Probleme darüber schreiben, als Kind hab ich das niemanden erzählt, auch in der Realschule in der Stadt nicht. Später hab ich sogar Verabredungen an andere Häuser bestellt, nur damit sie den Bauernhof nicht sahen. so war das.

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  2. Ich bin in der Stadt groß geworden, wir hatten also keine Landwirtschaft. Wäsche wurde nicht im Garten, sondern auf dem Boden getrocknet.. Bei uns gab es keine Trennung der Konfessionen, aber auf eine Mädchenschule bin ich auch gegangen. Ja, und alles andere war ähnlich. Danke für Deine Erinnerungen!

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  3. Vielen Dank für’s Mitmachen und den ehrlichen nicht verklärenden Blick.
    Viele hätten es sich vielleicht gewünscht, auf einem Bauernhof groß zu werden – aber die Wirklichkeit sieht offensichtlich ganz anders aus.

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